Habe ich da was verpasst? Ein Leben mit der Angst.

IMG_9260Ich, ungefähr 14 half meiner besten Freundin in den Sommerferien Zeitungen austragen, um mein Taschengeld aufzubessern. Eigentlich eine coole Sache, wäre da nicht dieser eine Tag gewesen, der mein Leben intensiv verändert hat. Neben unserer alten Grundschule, welche sehr nah an einem Fluss gelegen war, befanden sich noch ein paar Wohnhäuser, welche aber etwas abgelegen waren. Bei diesen mussten wir allerdings auch Zeitungen einwerfen. Also los. Bis uns ein Typ entgegen kam, der sehr komisch und leicht angetrunken wirkte. Er sprach uns auf schlechtestem Deutsch an und wollte unsere Nummer haben. Er war locker 30 und wir 14! Wir wollten ihm diese natürlich nicht geben und machten weiter unseren Job.  Bis er von hinten seinen Arm um meinen Hals legte, die andere Hand an meinen Bauch und uns fragte was wir trinken wollten. Leute, noch heute läuft mir eine Gänsehaut über den Körper, wenn ich daran denke. Man sagt immer: ,,Ach wenn mir sowas passiert, dann zentrier ich dem eine und schrei um mein Leben.“ Nein. In dieser Sekunde war ich vor Angst wie gelähmt. Kein Schrei kam mir über die Lippen. Trotz Angst entschieden wir uns für eine Fanta, in der Hoffnung ihn loszuwerden. Daraufhin rannte er zu dem gegenüberliegenden Supermarkt und bedeutete uns hier zu warten. Als er außer Sichtweite war, erinnerte ich mich an die Worte meiner Eltern: ,,Wenn du kannst, dann renn so schnell du kannst“. Und das taten wir. Mit dem Zeitungswagen. Und rannten. Und rannten. Bis wir endlich kurz vor meiner Haustür standen. Wir waren in Sicherheit. Wir hatten es geschafft. Später zeigten wir diesen Mann an. Die Polizei ergriff ihn kurze Zeit später in einem Supermarkt. Während die Bilder aus der Silvesternacht über den Bildschirm flimmern, erinnerte ich mich wieder an meine eigenen Erfahrungen. Eine Erfahrung die mein Leben prägte. Ich bin mittlerweile 23 und seither fühle ich mich Nachts alleine auf der Straße sehr unwohl. Ich drehe mich oft um, um zu kontrollieren ob mir auch wirklich niemand folgt. Tue so als ob ich mit jemandem telefoniere, damit man denkt ich wäre nicht allein. Manchmal telefoniere ich auch wirklich bis ich vor der Haustür stehe. Es gibt mir ein kleines bisschen Sicherheit. Ich renne wie eine geistesgestörte nachhause. Wenn ich mit meinem Auto unterwegs bin kontrolliere ich, ob niemand auf dem Rücksitz sitzt und verriegele sofort die Türen. Es gab ja schließlich schon alles Mögliche. Aber die Angst bleibt trotzdem ein ständiger Begleiter. Eigentlich wollte ich heute ein leckeres Rezept für euch posten, aber angesichts der Vorkommnisse der Silvesternacht sind mir bei manchen Bildern der vergangenen Tage wirklich die Bissen im Hals stecken geblieben.IMG_9261Ich frage mich, warum man so wenig darüber mitbekommt. Ich fühle mich noch nicht genügend über dieses Thema aufgeklärt. Jedes Thema wird immer bis ins letzte Detail ausgeschöpft, hier wird geschwiegen.  Bewusst geschwiegen? Ich habe das Gefühl. Mir ist auch bewusst das es ein sehr sensibles Thema ist und viele gerne ihre Meinung dazu äußern würden aber Angst davor haben. Angst in eine rechte Ecke gedrängt zu werden. Angst alleine mit der Meinung dazustehen, da man ausschließlich von positiven Meinungen hört, da die negativen niemand ansprechen will. Aber wir sind in Deutschland. Wir dürfen unsere Meinung kundtun. Mir stellen sich viele Fragen. Warum wird aus der eigentlich so klaren Schuldzuweisung eine Schuldfrage? Warum werden die eigentlichen Opfer, die Frauen in ein anderes Licht gerückt und müssen jetzt mit Verhaltensanweisungen zurechtkommen? Warum überhaupt Verhaltensanweisungen? Warum müssen wir Frauen uns ändern, wo wir doch nichts getan haben? Müssen wir uns das alles gefallen lassen und jetzt in ständiger Angst leben? Wie weit muss es noch kommen?

Ich habe keine Angst vor Asylbewerbern, vor den Menschen die einen Unterschlupf in unserem Land suchen und am liebsten selbst wieder zuhause bei ihren Familien wären. Sondern ich habe Angst vor Männern, Männer die meine Würde nicht akzeptieren. Die nicht akzeptieren, dass es hier in Deutschland eben nicht so läuft, dass man Frauen zu ihren Vergnügen benutzen darf. Es sollte nirgends so laufen. Keine Frau sollte so behandelt werden.

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5 Comments

  1. Januar 10, 2016 / 1:44 pm

    Du hast einen guten und ehrlichen Beitrag geschrieben!
    Wusstest du, dass Vergewaltigung zu den am wenigsten bestraften Verbrechen in Deutschland zählt? Das habe ich neulich im Radio gehört.
    Ich finde es gut, dass du das Thema ansprichst!
    Es sollte bei der Debatte nicht nur um ausländische Männer gehen, sondern um Männer überhaupt! Es gibt viel zu viele, die Frauen als untergeordnet betrachten!
    Liebe Grüße
    Susi

  2. Januar 11, 2016 / 12:50 pm

    Lina! 🙂 Vielen Dank für deinen Beitrag und dass du so mutig bist dein Erlebtes mit uns allen zu teilen. Ich finde vor allem wichtig, dass du im letzten Satz schreibst, dass diese Würde jeder Frau zuteil werden sollte und dass du keine spezielle Angst vor Asylsuchenden hast. :*

  3. Januar 11, 2016 / 1:49 pm

    Ein guter Beitrag und ich finde es klasse, dass du dich des Themas annimmst. Ich kann selber nicht glauben, was da passiert ist und mir ist auch ziemlich mulmig zumute, wenn ich nachts alleine unterwegs bin. Und das sollte einfach nicht so sein.
    Warum bekommen wir Frauen auf einmal Verhaltensanweisungen? Wieder Männer, die sagen macht es so und so, dann werdet ihr auch nicht als „Opfer“ gesehen. Aber da bin ich raus….
    Liebe Grüße
    Tine

    http://fairytaleoflife.com/

  4. April 9, 2016 / 8:11 am

    Krasse Geschichte. Ich finde es super, dass du deine Geschichte teilst. Ich bin mir sicher einigen Menschen geht es auch so. Es gibt Ereignisse im Leben die uns für immer prägen werden. Leider gibt es dann auch solche dazwischen, die uns für immer in Angst versetzen.

    Tut mir so leid für dich, dass du so etwas erleben musstest.

  5. August 23, 2016 / 2:22 pm

    Hallo Lina…ich bin wegen dem Blogeintrag hier und hey… ich freu mich, endlich mal jemand aus Stuttgart. Ich find immer nur Blogger von weiter weg…Mir gefällt, wie Du schreibst und bei Deiner Geschichte lief es mir eiskalt den Rücken runter. Mir ist was ähnliches passiert vor vielen Jahren. Das war allerdings kein Fremder…und die Situation ist nicht so glimpflich ausgegangen. Egal…jetzt nicht mehr zu ändern. Damals war ich jung und dumm. Heut würde ich anders reagieren. Sei ganz lieb gegrüßt. Kerstin

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