Das Schicksal ist wirklich ein mieser Verräter.

,,Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an!“ So heißt es zumindest in dem von Hoffnung und vor Freude sprühenden Lied von Udo Jürgens. In diesem Alter starten viele oft erst in ihre wohlverdiente Rente und freuen sich darauf, endlich Zeit für die Dinge zu haben, die im sonst normalen Alltagsstress zu kurz kommen. So geht es höchstwahrscheinlich der Mehrheit der Menschen und deswegen hört man auch immer öfter den Satz: ,,Wenn ich mal in Rente bin, dann werde ich reisen und die Welt erkunden, ohne diesen ewigen Zeitdruck.“ Doch was, wenn einen das Schicksal wieder unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückholt? Was ist, wenn man sich plötzlich damit abfinden muss, unheilbar krank zu sein? Eine Diagnose, wie sie wohl schrecklicher nicht sein könnte und trotzdem wird sie für immer mehr Menschen zur bitteren Wahrheit, denn Krebs gehört weltweit zu einer der am häufigsten auftretenden Krankheiten. Laut einer Statistik der Deutschen Krebshilfe, die im März 2011 veröffentlicht wurde, kommt es jährlich allein in Deutschland zu 200.000 Todesfällen durch krebs und 450.000 Neuerkrankungen, die einer Großstadt von Stuttgart entsprechen würden. Ebenso erging es meinem Opa, denn auch er wurde plötzlich mit dieser schrecklichen Diagnose konfrontiert und kämpfte viele Jahre gegen diese leider tödlich verlaufene Krankheit.

WIE ALLES BEGANN,…

Alles wirkte zuerst wie eine harmlos Magen-Darmgrippe, doch als seine Beschwerden durch Tabletten nicht besser wurden, schickte der Hausarzt ihn zu einem Spezialisten, der durch Darmspiegelung und spezielle Gewebeproben ein Karzinom im Enddarm feststellte, das bereits die Größe eines 2 Euro Stückes besaß. Dann hieß es abwarten. Nach vier Tagen dann der Anruf: Der Befund sei da, und er solle doch bitte in die Praxis kommen. Was er dann von seinem Arzt hörte waren keine guten Nachrichten: ,, Der Krebs ist bereits fortgeschritten, Sie müssen dringend operiert werden.“ Gesagt. Getan, denn eine Woche später lag er schon auf dem Operationstisch. Unter Vollnarkose wurde ihm ein künstlicher Darmausgang gelegt, der dazu da war, einen bestimmten Darmabschnitt zu schützen, dadurch, dass der Stuhl vorübergehend umgeleitet wurde und über die Öffnung in den Beutel läuft. Was anfangs sehr gewöhnungsbedürftig war, wurde nach und nach zur Routine und er lernte gut damit umzugehen. Seine Chemotherapie vollzog er allerdings im Krankenhaus, um danach direkt wieder nachhause zu gehen, da er längere Krankenhausaufenthalte verabscheute. ,,Krankenhäuser sind eigentlich ja etwas Gutes, weil sie einem helfen sollen; die Schwestern sind dort wirklich sehr freundlich und bemüht, aber das Essen hatte keinen Geschmack und schon als kleiner Junge hasste ich es Verwandte im Krankenhaus zu besuchen. Das ist heute nicht anders, ich kann es psychisch nicht, den ganzen Tag mit so vielen schwerstkranken Menschen in einem Zimmer, jetzt wo es mich auch noch selbst betrifft.“ ,,Vielleicht war es für ihn zu diesem Zeitpunkt auch eine Art Verdrängung, so ein nicht wahrhaben wollen, weshalb er sehr an alltäglichen Dingen festhielt, um seine Krankheit für kurze Zeit zu vergessen.“

Er arrangierte sich mit seinem neuen Leben. Ein halbes Jahr später musste eine Entscheidung her, ob er einer Zurücklegung seines Darmes zustimme. Er willigte ein, doch diese Entscheidung, sollte er später allerdings bereuen. Auch diese Operation verlief ohne weitere Komplikationen und so wurde er direkt im Anschluss an eine Reha überwiesen, die täglich mit ihm Anwendungen durchführten, um den Wiederaufbau seiner Muskeln zu beschleunigen. Wenige Wochen später, nachdem er wieder mit der neuen Chemo begonnen hatte, wurde sein Gesundheitszustand jedoch immer bedenklicher. Er wurde von Übelkeit und Schwindel verfolgt; doch das Schlimmste waren für ihn die starken Brustschmerzen. ,,Es war so ein stechender Schmerz, der meine ganzen Muskeln zusammenzog. Manchmal hatte ich das Gefühl meine Brust würde mir rausgerissen werden. Oft kniete ich auch auf dem Boden mit dem Kopf auf dem Bett, weil es die einzige Position war, in der die Schmerzen einigermaßen erträglich waren.“ Aus diesen nie endenden Schmerzen, ergaben sich häufig starke Gefühlsschwankungen bis hin zu Depressionen.

,,Ich hatte mich oft nichtmehr unter Kontrolle und wollte einfach nur weglaufen. Eines Abends war ich so am Boden, ich hatte kein Ziel mehr und konnte mit der ganzen Situation nicht mehr umgehen, ich war so überfordert, sodass ich mir einfach eine Jacke übergezogen hatte und aus dem Haus gerannt bin. Planlos bin ich dann einfach durch die Gegend gelaufen. Oma hat versucht mich zurückzuhalten, aber zu diesem Zeitpunkt hab ich mich von nichts und niemandem aufhalten lassen.“

Worte die wirklich tief unter die Haut gehen und die das Ausmaß einer solchen Krankheit näher bringen. Eines Abends kam es sogar soweit, dass Nahrung und Flüssigkeiten von seinem Körper nicht mehr aufgenommen werden konnten, wodurch er schier platzte. Diagnose: Darmverschluss. Zwei Stunden kämpften die Ärzte des Klinikums um sein Leben. Mit Erfolg, denn er Überlebte den schwierigen Eingriff, doch aus seiner anfänglichen Freude, folgte kurz darauf eine große Leere, denn sein operierender Arzt gab ihm bei seiner alltäglichen Visite zu verstehen, dass er nur noch wenige Wochen bis Monate zu leben habe, da sich mittlerweile überall im Körper Metastasen gebildet hatten, die rasant an Größe gewinnen. Aufzuhalten ist die Krankheit nicht mehr; aber das Wachstum und die Streuung kann durch weitere Chemotherapien verlangsamt werden. ,,In diesem Augenblick realisierst du nichts mehr was um dich herum passiert. Du atmest, aber dir ist alles egal, alles wofür ich jahrelang gekämpft habe, ist in diesem Moment wie ein Kartenhaus zusammengfeallen. Es ist so, als würde dein Leben plötzlich an dir vorbeilaufen, dieser Satz ist so endgültig; so deutlich.“ Erstaunlicherweise hat er keine Angst vor dem Tod, sondern einzig und allein macht ihm der Prozess des Sterbens Angst, ,,weil man nicht weiß was danach kommt.“

MEINE OMA, DIE STILLE HELDIN DER GESCHICHTE,…

Am Schlimmsten allerdings war es für meine Oma. ,, Sie hat nie Schwäche gezeigt sie war immer die Starke von uns beiden. Wenn ich einen Tag hatte an dem ich am liebsten alles hinschmeißen wollte und keine Kraft mehr hatte weiterzukämpfen, dann hat sie mich wieder aufgemuntert und ihre Stärke hat mich letztendlich auch weiterkämpfen lassen.“ Sie selbst wollte es damals auch nicht wahrhaben, dass ihr Mann wohl bald nicht mehr da sein wird; was wohl einfach da dran liegt, dass sie sich immer noch im Prozess der Verdrängung befand; ein Schutzmechanismus des Körpers, doch irgendwann kam auch für sie die Zeit, wo sie das alles realisieren musste. Doch dieser Zeitpunkt kam erst dann, als er schon längst nicht mehr da war. Man sah ihm an, dass er von seiner langen Krankheit schwer gezeichnet war. Die Wangen stark eingefallen und die Augen wirkten traurig, verloren und müde. Es gab nur noch wenige Augenblicke, bei denen man ein Lächeln auf seinem Mund bemerkte. Aber was gibt es auch zu lachen, wenn man nichts großes mehr im Leben planen kann, weil man nicht weiß, wie lange das eigene Leben noch geht? Zusammen mit seiner Familie beschloss er, die Chemotherapie solange es geht weiterzuführen. Seine große Bitte war es nicht im Krankenhaus zu Sterben, daher wurde von der AOK ein spezielles Bett gestellt. Ein Pfleger wurde bereits auch schon organisiert, der jeden Morgen und jeden Abend bei ihm vorbeischauen sollte, um die Infusionen zu wechseln und ihm zur Seite zu Stehen, für den Fall, dass er irgendwann nur noch im Bett liegen könne. Ein Hospiz kam für ihn nie in Frage. ,,Ich will zuhause im Kreise derer Sterben, die mir wichtig waren und die mich meine komplette Krankheit über unterstützt haben. Im Krankenhaus bist du nur eine Nummer und ich finde jeder Mensch hat es verdient in Würde zu sterben.“ Ein Hospiz ließ ihn zu stark an seine Krankheit und den bevorstehenden Tod denken und das wollte er nicht. Im Falle, dass der Krebs sein Gehirn angreifen sollte, und er nur noch durch Maschinen am Leben gehalten werden kann, hat er seiner Frau eine Generalvollmacht erteilt. Es hatte sich viel in seinem Leben geändert. Er lebte, sein Leben nun viel intensiver und sah die Welt mit ganz anderen Augen. Plötzlich fielen ihm Dinge auf, die zwar da waren, die Ihm aber nie wirklich aufgefallen sind. Er ging mit einem Blick für das Detail durch die Welt. Jedes Blatt, das vom Baum fiel war was ganz besonderes für ihn, weil er eben wusste, dass es das letzte seines Lebens sein könnte. ,,Ich weiß, ich kann keine großen Schritte mehr machen, aber mein Ziel ist es jetzt das bevorstehende Weihnachtsfest noch zu überleben.“ Noch einmal die ganze Familie versammelt haben, noch einmal alle glücklichen Gesichter seiner Enkel sehen, die erwartungsvoll ihre Geschenke auspacken. Das alles zu erleben, hätte ihn so sehr erfüllt. Doch so weit kam es nicht  mehr. Der Krebs hatte gewonnen.

Er starb am 15.10.2005-nach langem Kampf. Ja er war ein Kämpfer, er liebte das Leben und seine Familie. Und er hinterließ eine wichtige Botschaft: Lebt euer Leben Leute, achtet auf die kleinen Dinge im Leben, denn sie können zu was ganz Großem werden. Genießt jede Minute und erfüllt euch eure Träume, reist, liebt, feiert euer Leben und lasst die negativen Momente nicht überhand nehmen. Lasst den Hass mancher Leute nicht an euch ran, liebt mehr und streitet weniger! Was ist schon ein Streit, im Vergleich zu einer schweren Krankheit? Seid froh gesund zu sein! Es kann so schnell vorbei sein. Wir haben nur ein Leben! Macht was drauß! Das Leben ist schön!

Danke, Opa!

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2 Comments

  1. April 24, 2016 / 12:35 pm

    Hallo Lina,
    Wirklich schön geschrieben. Mich hat die Geschichte wirklich zu Tränen gerührt.
    Bei meinem Opa wahr es ähnlich. Auch er kämpfe lange gegen den Darmkrebs und starb 2009. Auch er hatte mit Depressionen zu kämpfen und in meinen Aufen war und ist auch meine Oma die Heldin hierbei.
    Am Ende war es wohl eine Erlösung, deswegen sollten wir froh sein, dass sie zumindest nicht mehr leidern müssen.
    Mein Bruder starb mit 16 bei einem Verkehrsunfall und mein anderer Bruder und ich haben seit unserer Kindheit Typ 1 Diabetes (eine chronische Autoimunerkrankung, die die Bauchspeicheldrüse zerstört) Ich selbst habe nach 16 Jahren Diabetes immer wieder Probleme mit dieser Krankheit und bis seit vielen Jahren auch in therapeutischer Behandlung. Die größten Helden sind für mich meine Eltern. Sie sind stark, haben nie aufgegeben und halten zusammen. Oft gehen ja Beziehungen nach dem Tod eines Kindes auseinander. Meine Eltern verloren meinen Bruder ubd ein mal fast mich – und leben in permanenter Sorge um meinen anderen Bruder und mich. Aber sie sind lebensfrohe Menschen, die viel in ihrem Leben unternehmen. Das bewundere ich wirklich.
    Danke für diese tolle ubd rührende Geschichte!
    Liebe Grüße
    Lisa

  2. Dezember 28, 2016 / 10:35 am

    Wie traurig. Das tut mir so leid. Für euch alle ganz schlimm. Für den Ehepartner bestimmt besonders hart, weil man sein ganzes Leben lang so eng zusammen war. Ich wünsche euch allen weiterhin viel Kraft!

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